WAZ vom 28.7.2010: Lernferien im Seniorenzentrum
28. Juli 2010 - ds
Foto: Thomas Schmidtke/ WAZ FotoPool
Wolfgang Laufs
Lernen in den Ferien? Eine Freizeitbeschäftigung dieser Art steht bei Schülerinnen und Schülern wohl kaum hoch im Kurs. Es sei denn, das Pauken von binomischen Formeln, englischen Vokabeln und lateinischen Fällen findet in ungewohnter Umgebung statt. Zum Beispiel im Nachbarschaftscafé des Bruder-Jordan-Hauses an der Löchterheide. Dort kommen viermal in der Woche hauptsächlich Schüler aus den Klassen 5 und 6 des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums zusammen, um unter Anleitung von Mitschülern aus der Oberstufe die Wissenslücken in Fächern wie Deutsche, Mathematik, Englisch, Französisch und Latein zu verfüllen. „Es haben sich schon Schüler gemeldet mit der Frage: Kann ich in der nächsten Woche auch kommen?“, berichtet Sabine Timmerhaus, die den Anstoß zu den Lernferien gegeben hat.
Rund 20 Schülerinnen und Schüler haben sich für die ersten drei Sommerferienwochen angemeldet. Sie werden in Gruppen von bis zu drei Kindern von neun Tutoren begleitet, montags bis donnerstags in der Zeit von 10 bis 12 Uhr. So ist sichergestellt, dass die Ferienschüler individuell gefördert werden können. Um andere Lernmethoden auszuprobieren und Spaß und Spiel dabei nicht ganz zu vergessen, haben sich einige Tutoren etwas Besonderes einfallen lassen: ein Grammatik-Memory-Spiel zum Beispiel. Oder ein Mathematik-Stadt-Land-Fluss. Sabine Timmerhaus: „Wir überlegen, ob wir aus dem Entwickeln von Lernspielen nicht eine neue Arbeitsgemeinschaft machen können.“
Dass sich der Nachwuchs zum Pauken ausgerechnet in einem Seniorenzentrum trifft, ist mehr als eine Behelfslösung. Das Bruder-Jordan-Haus liegt in direkter Nachbarschaft zur Schule, wo die Caritas als Partner für die Über-Mittag-Betreuung ein gern gesehener Kooperationspartner ist. Weil aber die Schule wegen Umbauarbeiten während der Ferien nicht genutzt werden kann, bot es sich an, mit den Lernferien zur Löchterheide zu ziehen. Schulleiter Friedrich Schenk: „Unser Gymnasium setzt bewusst auf die Vermittlung sozialer Kompetenzen.“ Zum Beispiel mit dem Schulsanitätsdienst, der Weihnachtspaketaktion oder den Friedensdorfkonzerten. Und im Seniorenzentrum sind junge Leute gern gesehene Gäste. Einrichtungsleiter Markus Pudel: „Die Demenz-AG, ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Gesamtschule Berger Feld, hat viel Leben und Freude ins Haus gebracht.“
Nicht ausgeschlossen also, dass aus den Lernferien im Nachbarschaftscafé noch mehr entstehen könnte. Vielleicht findet sich ja eine Oma, die Spaß am Vorlesen hat. Oder ein Opa, der fit im Rechnen ist. Oder ein Enkel, der Lust hat, einen Bewohner beim Einkaufen zu begleiten.
Nach der Premiere in diesen Sommerwochen sollen die Lernferien auf jeden Fall fortgesetzt werden. Sabine Timmerhaus: „Vom Ablauf sinnvoller wäre es dann, so etwas demnächst in den Herbst- und in den Osterferien anzubieten.“
Text: Wolfgang Laufs, Foto: Thomas Schmidtke/ WAZ FotoPool
« zurück